Warteschlangenblues (Corona Vol. 1)

„Hallo Papa“

„Hallo Sarah“

„Hallo Volker“

„Hallo Herr Häring“

Das war Sarahs Lehrer. Sarah hat virtuelle Hofpause, per Videokonferenz. Und jetzt starren mich alle an. Nicht besonders verwunderlich, weil ich gerade aus der Badewanne komme und mein Bademantel offen steht. Nun kennt also Sarahs Klasse meine nackte Vorderseite. Nun gut, bis die Kinder wieder in der Schule sind, hat das jeder vergessen.

Wie lange noch? Vier Wochen? Acht? Nora, meine andere Tochter, singt gerade Hotel California. „You can check any time you want, but you can never leave!” Passt. Das Netz bricht zusammen, der Bildschirm ist Schwarz. Sarah dreht sich zu mir um. „Zieh dir was an, Papa!“, sagt sie. Und streicht die Croissant-Krümel von ihrem Schlafanzug.

Mein Blick fällt auf die drei Großpackungen Klopapier, die sich bei uns im Bad stapeln. Drei Wochen haben wir gesucht, und dann haben wir beide am gleichen Tag eine Packung ergattert und meine Frau hat noch eine Packung für eine Freundin mitgenommen, die dann aber keins mehr brauchte, weil ihr Ex-Mann zwei Großpackungen aus Polen mitgebracht hat, mit dem letzten Zug, der noch fuhr. Geschichten wie aus dem Krieg.

Kann man das Vergleichen? Darf man das? Wir sind die Generation, die keinen Krieg, keine Not kennt. Jedenfalls nicht aus eigener Erfahrung. Wir können nicht glauben, uns kaum vorstellen, dass die Welt, die uns so gegeben, so unveränderbar vorkommt, plötzlich nicht mehr die gleiche sein soll. Aber wird sie das? Haben wir morgen das Bedingungslose Grundeinkommen oder nutzt der Neoliberalismus die Krise, um nochmal richtig Gas zu geben? Ich nehme mir vor, Naomi Kleins „Shock Doctrin“ nochmal zu lesen. Rettet die erzwungene Verlangsamung, das fast vollständige Erliegen des Flugverkehrs uns den Arsch vor dem Klimawandel, oder bläst nicht das Binge-Watching, all die Videokonferenzen noch mehr CO2 in die Luft? Wir wissen es nicht. Ich weiß es nicht.

Derweil starre ich auf meine Warteschlangennummer, weil ich ja erst einmal dahin kommen muss, ans Ende der Coronakrise, und das wird wohl viel Geld kosten. Warteschlangennummer 29.296 auf der Webseite der IBB, einer Bank, von der ich bis vor drei Wochen nichts wusste.

Drei Großpackungen Klopapier haben wir. Und falls hier jemand auf dumme Ideen kommt: Wir haben auch ein gutes Sicherheitsschloss. Das war aber der letzte Klopapierwitz, versprochen. Klopapier ist ausgelutscht. Auch kein schönes Bild.

Hefe ist das neue Klopapier. „Nur noch fünf Packungen habe ich bekommen!“, beklagt sich eine Freundin am Telefon. Aber wozu Hefe, wenn das Mehl fehlt? Und wozu fünf Packungen? Machen morgen alle Bäcker zu? Übermorgen die Supermärkte und dann schmeißt die ganze Regierung uns den Laden vor die Füße, weil sie keine Lust mehr haben, aber auch ihr kollektives Versagen einsehen?

Mitte April wäre ich mit dem geschätzten Kollegen Christian Y. Schmidt nach China geflogen. Dem Langen Marsch wollten wir mit dem Fahrrad folgen, auf den Spuren von Mao und Otto Braun. „So weit die Füße radeln“. Ist jetzt verschoben, vielleicht bis Herbst. Aber welchen Herbst? 2020? 2021? Wir wissen es nicht. Christian hat die Coronakrise in China ausgesessen, und sitzt sie jetzt wieder in Berlin aus. Er hat als einer der wenigen frühzeitig vor Corona gewarnt, aus der Epidemie bewährten Wohnung in Peking. Hat sich über den laschen Umgang der deutschen Behörden gewundert und ist jedesmal auf Facebook verbal in die Luft gegangen, wenn Jens Spahn mal wieder etwas von sich gegeben hat.

Aber war das nicht auch eine Self Fullfilling Prophecy? Ist der chinesische Weg wirklich der einzige? Wer das bestreitet bekommt inzwischen eins in die Fresse oder selbst Corona. Darf man das den Herren Merz und Johnson gönnen oder gar an den Hals wünschen?

Wie gefährlich das Virus ist, weiß ich nicht, und ich habe beschlossen, mich an dieser Diskussion nicht mehr zu beteiligen. Was ich aber weiß: Wenn das hier vorbei ist, werden wir eine breite Zustimmung zur Handyortung, zu Überwachungskameras, zur Einschränkung persönlicher Freiheiten, zur Abschaffung des Bargeldes (Virenschleuder!) haben. Dazu ein paar Millionen Arbeitslose mehr, Menschen, die ihre Ersparnisse, so sie denn welche hatten, aufgebraucht haben. Wäre ich Faschist, ich würde mich darauf freuen.

Immer noch 22.208 Leute vor mir in der Warteschlange.

Vielleicht sollten wir uns allen (sind wohl mehr als 100.000 Antragsteller auf „Soforthilfe 2“) eine Poolnudel umbinden und in 1,5 m Abstand in Richtung Kanzleramt marschieren. Aber da ist ja niemand zu Hause.

Aber literarisch, da gibt Corona doch was her! Der Fitzek arbeite garantiert schon an einem Thriller. „Corona auf Platz 13 a“ oder so. Es werden reihenweise Menschen umgebracht, die jeweils auf Sitzplatz 13 a eines Rückholfluges saßen. Die Spur führt in ein Auffanglager, wo dann schließlich die Hauptfigur mit dem mutmaßlichen Mörder in Quarantäne landet. Ok, das kann der Fitzek besser. Wir werden es nächstes Jahr lesen.

Ich könnte auch meinen Inspektor Wang als Spin-off zu meinem Krimi „Beijing Baby“ in einem von Corona stillgelegten Peking ermitteln lassen. Da sitze ich gerade dran. Komme aber nicht weiter, weil ich dieser verdammten digitalen Warteschlange nicht traue. Was, wenn die plötzlich um 10.000 nach vorne springt, ohne dass ich es merke? Ich starre auf dieses doofe weiße, aufreizend andächtig laufende Männchen auf der Homepage der IBB, wie ich auch jeden Morgen auf den Fallzahlenticker der South China Morning Post starre.

Immer noch 22.208 Leute vor mir in der Warteschlange.

Wie wäre es mit einem Corona-Blues – „Breath in smooth – it’s the Corona Blues”. Außer dem Refrain fällt mir aber gerade nichts ein.

Immer noch 22.208 Leute vor mir in der Warteschlange.
Immer noch 22.208 Leute vor mir in der Warteschlange.
Immer noch 22.208 Leute vor mir in der Warteschlange.

Disclaimer:

Den Text habe ich vor genau einem Jahr geschrieben. Das Geld ist inzwischen da. Den Coronakrimi hat der Schorlau gemacht. Mein Inspektor Wang ist im Ruhestand. Christians und mein „Langer Marsch“ ist weiterhin für den Herbst geplant, über das Jahr schweigen wir uns aus.

In Richtung Kanzleramt ist keiner marschiert, dafür haben ein paar Idioten den Reichstag “gestürmt”. Und ein paar mehr Idioten das Capitol.

Überall lauern Mutanten, eine davon hat seit kurzem einen neuen Haarschnitt.

In der Warteschlange bin ich noch immer.

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