Sauer-Scharf – Der Einheitsbrei der China-Basher

on

Am Anfang weht eine chinesische Flagge vor einem grauen Hintergrund, unterlegt mit bedrohlicher Musik. „Dieses Land soll die Jugend der Welt empfangen?“ fragt Felix Neureuther, dann erfolgt der Schnitt auf die Unruhen in Hongkong. Polizisten, die mit Tränengas auf die jugendlichen Demonstranten losgeht. Die ARD-Dokumentation „Das Spiel mit dem Feuer“ eröffnet mit der Frage „Wer braucht noch dieses Olympia?“ Und definiert zugleich die Tonlage, in der in den Wochen danach über die 24. Olympischen Winterspiele berichtet wird.

Denn die Frage soll natürlich heißen: Wer braucht Olympische Spiele in China? Ein Land, das die Menschenrechte mit Füßen tritt, die Uiguren ausrottet und nach der Weltherrschaft strebt? China will die Spiele als Bühne benutzen, um sich im besten Licht zu zeigen? Prima, wir spucken denen mal so richtig in die Sauer-Scharf-Suppe und verfestigen das ohnehin schon recht zementierte Negativbild. So verkommt die Eröffnungszeremonie auch zum politischen Statement des Kommentators Nils Kaben, der so schöne Sätze sagt wie „Xi hat die Macht, Bach das Geld, das passt zusammen“ und „Der Grad der stillen Komplizenschaft ist schmal“. Aber zur Wahrheit gehöre, „dass wir im Westen durch unseren Geiz, unsere Gier und unseren Reichtum China erst zu seiner heutigen Größe verholfen haben.“ Genau, hätte man den Chinesen bei Zeiten auf den Strohhut gehauen, wäre das nicht passiert. Hat aber leider keiner auf Kaiser Wilhelm II gehört, der einst in seiner Hunnenrede postulierten, „dass nie ein Chinese einen Deutschen auch nur scheel ansehen“ solle.

Die Olympischen Spiele sind ein willkommenes Vehikel, einmal durchzuladen und aus allen Rohren zu schießen. An der vordersten Front platziert sich hier ARTE, das sich gleich mit mehreren sogenannten Dokumentationen aller Themen annimmt, die die Volksrepublik China in einem schlechten Licht erscheinen lassen. Den Anfang machen die Uiguren, die neue Lieblingsminderheit der westlichen Welt und das angebliche Genozid an ihnen. Um diese steile und reichlich geschichtsvergessene These aufrecht zu erhalten, muss natürlich schweres Geschütz aufgefahren werden. Stärkster und fast einziger Pfeil im Köcher ist hier Adrian Zenz. Der selbsternannte Chinaexperte ist Senior Fellow an der Victims of Communism Memorial Foundation, einem anti-kommunistischen Think-Tank mit Verbindung zur CIA und wiedergeborener Christ mit Endzeitfantasien. Wäre Zenz ein Staubsaugerverkäufer, man würde ihm nichts abkaufen. Nun übernimmt fast die gesamte westliche Medienwelt seine Thesen und verbreitete sie ungeprüft. An einer Stelle des Films hält er ein offizielles Dokument auf Chinesisch in die Kamera, fährt mit dem Finger über die Textzeile und liest vor: Hier haben wir den Beweis für mehr als 14.000 Zwangssterilisierungen an uigurischen Frauen. Während dem Zuschauer noch das Blut in den Adern gerinnt und er die Nr. 14 mit Huhn beim lokalen Chinesen storniert, reibt sich der chinesischkundige Rezensent die Augen. Von Zwangssterilisierungen steht da nichts, aber von 14.000 Heiratszeremonien. Das ist nur eine von unzähligen Falschbehauptungen in dem Film, der nur ein Ziel hat: Den Narrativ des Genozids aufrecht zu erhalten. Sicherlich gibt es das harte Vorgehen der chinesischen Regierung gegen uigurischen Extremismus, sicherlich auch einigen Kollateralschaden. Natürlich gibt es Lager in Xinjiang, nur sitzen da keine eine Million, und schon gar keine drei Millionen Menschen, wie Zenz noch vor Jahren behauptete. Und sie sitzen da aus politischen, nicht ethnischen Gründen. Die Verschärfung der Repression war vor allen Dingen eine Folge der uigurischen Anschläge in Kunming und Peking, und der von Ankara unterstützten pan-türkischen Bestrebungen.

Der mächtige Schurkenstaat braucht natürlich auch ein Gesicht, ein Monster, das so charmant wie durchtrieben ist. Da kann Xi Jinping noch so treuherzig schauen, hinter der freundlichen Fassade lauert ein knallharter Kommunist. Die ARTE-Doku „Die neue Welt des Xi Jinping“ diagnostiziert das Stockholm-Syndrom beim chinesischen Präsidenten. Seine traumatischen Erfahrungen während der Kulturrevolution hätten ihn zu Maos Wiedergänger gemacht. Die Zukunft der Welt sähe er im Kommunismus, daher die Härte gegenüber der eigenen Bevölkerung und das aggressive Bestreben, die „chinesische Lösung“ über die Welt zu bringen. Der angebliche Griff Chinas nach der Weltherrschaft beruht vor allem auf dem sogenannten „Dokument Nr. 9“, einem internen Papier der KP, das der westlichen Presse zugespielt wurde. In der gängigen Interpretation werden hier die Sieben Feinde Chinas aufgezählt, die es zu bekämpfen gelte. Herausgehoben werden meist die ersten zwei: Demokratie nach westlichem Vorbild und die Verbreitung universeller Werte wie die Menschenrechte, Freiheit und Rechtstaatlichkeit nach westlicher Definition. Was da aber nicht steht, ist, dass diese Werte im Westen oder der restlichen Welt bekämpft werden müssen. Es geht um die Gefahr, die die politische Führung der VR China für das eigene Land sieht, sollten sich diese Werte im eigenen Land durchsetzen. Ein kleiner, aber bedeutender Unterschied, der aber unter den Tisch fallen gelassen wird, ebenso wie der Fakt, dass auch der Neoliberalismus als einer der sieben Feinde aufgeführt wird.

Es geht also um universelle Werte, das ist der westliche Narrativ. Dafür muss das Gegenüber diese Werte zumindest missachten, besser noch, bekämpfen. Damit wird er dann zum systemischen Rivalen, wie die Bundesregierung kürzlich verlauten ließ. Xi steht zwar nicht an der Ostfront, ist aber aus gleichem Holz wie Putin gestrickt. Er bedroht Taiwan, und damit den Weltfrieden. Und er bedroht unsere Werte, unsere Lebensweise. Da ist sie wieder, die Gelbe Gefahr!

Wir sind die Guten, die Volksrepublik China das Land gewordene Grauen. Wir haben Menschenrechte, China nicht. So können sich Lieschen Müller und Otto Normalverbraucher als etwas Besseres fühlen, selbst wenn der eigene Staat in der Coronabekämpfung versagt, Flüchtlinge an der EU-Außengrenze verrecken lässt und völkerrechtswidrige Kriege führt. Wenn das Geld vorne und hinten nicht reicht und die Gesundheit am Arsch ist. Moralische Entrüstung schlägt Logik, perpetuierte Vorurteile die kritische Beschäftigung mit China. Das China-Bashing soll verhindern, dass irgendjemand auf die Idee kommt, im chinesischen Weg eine Alternative zu sehen oder auch nur eine partnerschaftliche Zusammenarbeit in Betracht zu ziehen.

Nicht dass uns die Chinesen nach der Technik auch noch die Moral klauen!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.