Lieber tot als rot 2.0

Angenommen, die deutschen Medien haben recht. Der Russe kommt. Also der Wladimir Wladimirowitsch Putin. So wie er uns schon dreimal überrannt hat, also der Russe jetzt. Denn so ist er, der Russe, aggressiv, expansionistisch. Stand zu meinen glücklicherweise lange vergangenen Schulzeiten sogar im bayrischen Lehrplan. „Die expansionistischen Bestrebung Russland anhand der russischen Geschichte von Iwan dem Schrecklichen bis heute den Schülern beibringen“. Hat unser – ihr habt es erraten – linker Sozialkundelehrer mit einem süffisanten Lächeln vorgelesen. Und Putin ist die Quintessenz all dieser typisch russischen Eigenschaften. Er kommt also, der Russe. So wie er schon immer gekommen ist, jedenfalls, seit ich auf der Welt bin. 53 Jahre also sollte der Russe kommen, und nun ist er endlich da. Vielleicht. Eventuell aber auch nicht. Soll uns aber nicht stören, wir wollten ja darüber nachdenken, was denn ist, wenn er nun wirklich da ist, oder von den Seelower Höhlen auf Berlin blickt. In Gedanken. Oder Gedenken.

Das müssen wir verhindern, schallt es nicht nur durch fast alle Medien, sondern auch in meiner Social-Media-Filterblase. Heute die Ukraine, morgen Polen und übermorgen die ganze Welt. Neulich fiel sogar zum ersten Mal der Hitler-Vergleich, von einem ansonsten recht gebildeten Zeitgenossen, Akademiker, analytisch und bei fast allen anderen Themen ein guter Sparringspartner.

Also, um endlich weiterzukommen: Der Russe will kommen. Jedenfalls zumindest bis Kiew. Da der Ami uns wohl im Stich lässt, rufen wir nach der EU, den Europäern, die sich endlich besinnen, einen, und vor allem bewaffnen sollen. Was würde das kosten, mal abgesehen von der wahrscheinlich jahrelangen Diskussion, die dann auch noch der Wladimir persönlich manipuliert wird, dem Influencer, dem gewieften?! Und da ich mich sicherlich nicht mit meiner Meinung durchsetze, dass Geld genug da ist, wahlweise, weil man es nur umverteilen und im Zweifelsfall auch einfach erfinden könnte, so wie das Investmentbanker und Kryptoschürfer schon lange machen, werden die Billionen irgendwo fehlen. An den Schulen, der Uni, in der Forschung, Infrastruktur, dem Sozialsystem, den Krankenhäusern. Und selbst dann sind wir immer noch an dem Punkt, an dem bestenfalls die Abschreckung funktioniert und im schlimmsten Fall wir alle tot sind.

„Aber wir können uns doch nicht von einem Autokraten unser Handeln diktieren lassen!“, höre ich es aus der Filterblase. Nun, wir können recht viel. Julian Assange ignorieren und Nawalny auszeichnen. Menschenrechte in Katar und Saudi-Arabien sind uns scheißegal. Die türkische Invasion in Nord-Syrien. Der brutale Krieg im Jemen. Die andauernde Rassendiskriminierung in den USA. Guantanamo. Rechtspopulistische Vollpfosten (ja, ich weiß, Putin war das!) in Thüringen, Ungarn und Polen. Extensive Polizeigewalt in Frankreich, Verschärfung des Demonstrationsrechts in Großbritannien, das für fast jede Teilnahme an einer potenziell gewaltsamen Demonstration die Chance beinhaltet, im Gefängnis zu landen. Und ja doch, in Deutschland können wir das auch, wenn es um verbrannte Afrikaner in deutschen Gefängnissen geht, Selbstmordattentäter, die vom Verfassungsschutz nach Berlin gefahren werden und Nazis, die jahrelang ungestört morden können, weil sie ja nur die Kanacken wegpusten. Und bevor mich jetzt jemand canceled: Ich halte keine Mitbürgerin und keinen Mitbürger mit Migrationshintergrund für einen Kanaken (oder eine Kanakin, oder irgendetwas divers Kanakiges). Viel zu viele, auch an verantwortlicher Stelle, machen das aber.

Wo waren wir? Ach ja, Putin, der Protorusse. Was kann wirklich passieren? Ok, die Krim ist russisch und wird es wohl bleiben. Das Schöne ist: Für diese realistische, nüchterne Analyse muss ich nicht zurücktreten. Funfact: Die gleichen Leute, die bei der Krim auf das Völkerrecht pochen, denen aber der Wille der Bevölkerung egal ist, sehen das beim Kosovokrieg genau andersrum. Eventuell marschiert die russische Armee im Donbass ein. Ist das einen Weltkrieg wert? Unsere Putzfrau kommt aus dem Donbass. Zitat: „Ob wir von der Ukraine oder von Russland regiert werden, ist egal. Wir haben andere Probleme.“

Genau, wir haben andere Probleme. Probleme, die nicht aus allen Ritzen nach Propaganda riechen, sei es russische, deutsche oder US-amerikanische (bevor es jemand anmerkt: auch die chinesische, aber um die geht es hier augenblicklich nicht). Die Welt ist ein Machtspiel, wo es Kooperation bräuchte. Jetzt. Es ist genug da für alle. Geld, Nahrung, Wohnraum. Das Leben. Kultur! Wir sind reich. Also im Durchschnitt.

Nein, man muss Putin weder mögen noch verstehen. Das Kriegsgeheul aber auch nicht.

3 Kommentare auch kommentieren

  1. Christian Veidt sagt:

    Hallo Volker, ich habe deine Meinung bisher immer gerne wahrgenommen und versucht nachzuvollziehen, aktuell möchte ich dich bitten einfach nurmal zum Thema Putin die Klappe zu halten… Was du ja scheinbar selbst auch kapiert hast!! Danke

    1. Lieber Christian,
      wie Du ja selbst schreibst: Ich weiss schon, wann ich mich geirrt habe und wann ich lieber nichts schreibe. Deine Wortwahl mit der “Klappe halten” empfinde ich jedoch als nicht angebracht. Und lese Dir den letzten Abschnitt meines Artikels noch einmal durch. Das ist es, warum es mir geht. Nebenbei: Putin ist bei weitem nicht das einzige durchgeknallte Arschloch in Führungsposition. Und wo der Unterschied zwischen der völkerrechtswidrigen Invasion der Ukraine und dem völkerrechtswidrigen Angriffskrieg der NATO gegen Serbien und der Invasion des Iraks durch die “Koalition der Willigen” ist, erschließt sich mir auch nicht. Ja, der russische Angriffskrieg ist zu verurteilen. Das Völkerrecht lässt sich nicht zurechtbiegen, in keine Richtung. Die Ukraine ist reich, an Bodenschätzen, an Ackerland, was würde eigentlich dagegen sprechen, eine neutrale Ukraine nach dem Vorbild der Schweiz zu haben, als Brücke zwischen Ost und West? Daran hat aber leider weder Russland noch der sogenannte Westen ein Interesse.

  2. Christian sagt:

    Hallo Volker, das klappe halten nehme ich zurück… Du hast in vielen Punkten recht, aber man kann die Aggression Putins nicht zerreden.. Politik mit Waffen in diesem Ausmaß führt aktuell nur Putin und er hat keine Instanz im Land die ihn kontrolliert.. Was tut er mit Menschen die ihm gefährlich werden können? Einsperren, vergiften! . .. Trump wude immerhin abgewählt, das hat Putin nicht zu befürchten…
    Kennst du den Spruch “Peace for our Time” mit dem Chamberlain 1938 aus München zurückkam? Herr H. hat sie alle verarscht weil er wusste das sie auf keinen Fall Krieg führen wollen.. Wenn einer wie Putin, so wie ich es sehe keinerlei Skrupel hat, ist mit Verhandlung nichts zu machen. So schlimm ich das auch finde… Die linke Wange hinhalten werde ich auf keinen Fall!

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